minuweb.ch



coolcoolcoolcool
 

auch das kochen und essen will gelernt sein

 

das Magazin dick ist leider vergriffen!

Seit 1990 besteht der club minu, das Programm gegen Übergewicht bei Jugendlichen. Übergewichtige Kinder werden dort nicht bloss überflüssige Pfunde los, sie lernen vor allem, sich gesund zu ernähren und zu bewegen. Und dies erst noch auf lustvolle Art und Weise, wie ein Besuch im Sommerlager zeigt. Eine Reportage.

Wer abnehmen will, so geht die Rede, muss leiden. Hungern. Zumindest verzichten. Zwar werden in den Zeitungen regelmässig irgendwelche Wundermittel angeboten, mit deren Hilfe die überflüssigen Kilos innert kurzer Zeit verschwinden sollen, ohne Verzicht natürlich, doch wer mag solchen Versprechen glauben. Einige der übergewichtigen Kinder jedenfalls, die wir an diesem prächtigen Sommertag im Prättigau besuchen, haben ihre Erfahrungen gemacht mit Diäten. Schlechte Erfahrungen. «Du nimmst zwar ab», sagt die 13-jährige Mirjam, «aber das Gewicht steigt nach der Diät wieder an.»

Mirjam hat verschiedene Diäten ausprobiert, geholfen hat ihr keine. Bis auf eine. Doch diese, das Gewichtsreduktionsprogramm club minu, ist keine Diät. Keine wundersamen Pülverchen gehören dazu und keine strengen Menüpläne, stattdessen lernen die Kinder, ihr Essverhalten zu ändern, gesund zu kochen und entsprechend einzukaufen. Und weil dies nur möglich ist, wenn auch Väter und Mütter, wenn auch die Familienmitglieder ihr Essverhalten ändern, die Einkaufsgewohnheiten und die Art zu kochen, aus diesem Grund nehmen am Programm des club minu Kinder und Eltern teil.


«Wer ein znüni isst, hat am mittag keinen heisshunger.»
«Ich werde in Zukunft jeden Tag frühstücken und zweimal in der Woche ein Znüni mitnehmen, etwas Gesundes und sicher kein weisses, sondern dunkles Brot. In der Schule kann man sich besser konzentrieren, wenn man etwas gegessen hat zum Znüni, und man isst weniger am Mittag, man hat keinen Heisshunger.»

Hier in Klosters freilich, in einem gemütlichen Haus oberhalb des Dorfes, treffen wir an diesem Sommertag nur Kinder an. Sie verbringen zusammen mit einem Team von Fachleuten zehn Tage, ein Sommerlager, das im Zentrum des ganzen Programms steht. Zuvor haben sie – gemeisam mit ihren Eltern – an fünf Treffen teilgenommen, haben ein Ess-Tagebuch geführt, sich mit den eigenen Gewohnheiten auseinander gesetzt, haben einiges gelernt über gesunde Ernährung – und erste Vorsätze gefasst. Hier nun, im Sommerlager, gilt es, das Gelernte anzuwenden, die veränderten Gewohnheiten zu leben, Erfahrungen zu sammeln. Und auch dies: abzunehmen.


Ohne Verzicht ist dieses Ziel nicht zu erreichen, von diesem Verzicht allerdings ist wenig zu sehen, zu riechen und zu schmecken an diesem Mittag. Verspricht doch der Menüplan: Hamburger und Pommes, Zwetschgenkompott zum Dessert und Älplermakkaroni mit Apfelmus zum Znacht. Hier, so scheint es, braucht niemand abzunehmen, im Gegenteil: es wird geschlemmt. Was natürlich nicht stimmt, ein Besuch in der Küche bestätigt dies. «Ich habe gelernt, fettfrei zu kochen, und ich achte nun darauf, bewusst zu essen», erzählt Anika, die zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen ihrer Kochgruppe am Herd steht. Bewusst zu essen, das meint: langsam zu essen, während des Essens einige Male das Besteck abzulegen, wenn der Teller leer ist eine längere Pause einzulegen und sich dann, bevor man ihn ein zweites Mal füllt, die Frage zu stellen: Habe ich wirklich noch Hunger, oder ist es bloss der «Gluscht», der nach einer zweiten Portion verlangt? Für Barbara bedeutet bewusstes Essen auch dies: «Auf die Umgebung zu achten, also beispielsweise nicht vor dem Fernseher zu sitzen und zu essen, ohne wahrzunehmen, was ich überhaupt zu mir nehme».

So kommt es, dass während dieser zehn Tage niemand Hunger leidet, dass es sogar ein Znüni und ein Zvieri gibt – und dennoch alle Kinder einige Kilogramm an Gewicht verlieren. Wie stark der Zeiger der Waage jedoch nach links rutscht, das ist laut Robert Sempach, Ernährungspsychologe und Leiter des club minu, gar nicht so wichtig. Nicht die verlorenen Kilos zählten, betont er, sondern die gewonnenen Einsichten. Und die Bereitschaft, auch nach dem Sommerlager auf eine gesunde Ernährung zu achten, weiterhin bewusst zu essen, sich regelmässig zu bewegen.

Nach den Pommes, ohne jegliches Fett im Ofen gebacken, nach den aus sehr magerem Fleisch, Brot und Eiern gefertigten Hamburgern und dem kaum gesüssten Kompott steht ebendies auf dem Programm: Bewegung. Die einen Kinder machen sich mit ihren Velos auf zu einer Bike-Tour durchs Prättigau, die andern gehen im Dorf baden. Sie mit Notizblock und Fotoapparat zu begleiten, mögen wir nicht. Schliesslich sind wir kaum angekommen, kennen wir die Kinder und kennen uns die Kinder noch nicht gut genug. Auch ihnen ist es lieber, den Fotografen nicht dabei zu wissen, wenn sie sich ins kühle Nass stürzen. Zwar haben sie an Selbstvertrauen gewonnen in diesen Tagen, haben sie gelernt, zu ihrem Körper zu stehen, dennoch meint ein Mädchen, immerhin lachend: «Mein Körper im Badekleid? Das gibt kein schönes Bild.»

Dennoch: Die verlorenen Kilos, die Gewissheit, sich gesund zu ernähren und sich zu bewegen, die vielen Gespräche mit anderen Kindern und mit dem Leitungsteam, all dies macht den Kindern Mut, all dies erfüllt sie mit Stolz und lässt sie selbstbewusster nach Hause gehen, zurück in die Schule, wo es manche aufgrund ihres Übergewichts nicht einfach hatten oder noch immer nicht einfach haben werden. «Hier wird niemand ausgelacht», sagt Barbara, die in der Schule oft unter abschätzigen Bemerkungen ihrer Kameradinnen und Kameraden gelitten hat, «und während der letzten Tage habe ich auch gelernt, dass ich mich nicht mehr fertigmachen lassen muss.»

fortsetzung


seite 1 | seite 2

seitenanfang